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Sonntag, 20. Juli 2014

Die Herausforderung namens Kolomojskyj

Der folgende Text stammt vom ukrainischen Journalisten Сергій Лещенко und wurde von uns ins Deutsche übersetzt. Das Original findet ihr hier.


Die Herausforderung namens Kolomojskyj

Es ist mir egal, wie oft Kolomojskyj mich und meinen Freund Mustafa "Drecksack" nennt, und auch wie oft Filatofv auf Facebook schreibt, dass ich ein Idiot bin.

Es ist mir egal, weil ich mich nicht für eine Sekunde täuschen lasse. Ich kenne den Charakter dieser Menschen, da ich ihr Verhalten in Politik und Wirtschaft seit vielen Jahren verfolge.

Sie können mir ausführlich erklären, warum Kolomojskyj die Ukraine vor Putins Armee verteidigt hat, und sie werden auf diese Art und Weise tausende Likes auf Facebook sammeln. Aber es ist an der Zeit die Dinge beim Namen zu nennen: Kolomojskyj und seine Stellvertreter erpressen ganz offensichtlich die Kiewer Regierung.

Es ist ihre Mission, einen Freibrief zur Übernahme der Region Dnipropetrovsk zu bekommen. Sie wollen dieses Gebiet zu ihrem privaten feudalen Besitz machen, den sie über ihre eigene Armee persönlich kontrollieren können. Kolomojskyj versteckt seine Ambitionen gar nicht.

Vor ein paar Tagen schrieb Filatov, dass manche der Soldaten aus seinem Batallion ihn ansprechen, weil sie Angst haben, dass Poroschenko Kolomojskyj absetzt. Sie lärmen mit ihren Waffen, und drohen in diesem Fall Partisanen zu werden.Einige Aktivisten wollen sogar die regionale Verwaltung in Brand setzen, falls Poroschenko sie entlassen sollte.

Überlegen sie mal, diese Drohungen stammen nicht von irgend einem Facebook-Troll, sondern von einem Regierungsbeamten, der direkt seinen Vorgesetzten bedroht- und zwar den Präsidenten der Ukraine!

Filatov ist das Sprachrohr von Kolomojskyj in den sozialen Netzwerken. Die Menschen sind von seinen derben Beiträgen auf Facebook begeistert, die voll von Machismo sind. Dabei scheint es vollkommen egal zu sein welche Vergangenheit dieser Mann hat. So wissen zum Beispiel nur wenige, dass Filatov früher als Rechtsanwalt in der Corporation UESU (Unified Energy System of Ukraine) gearbeitet hat. Er war aufgrund seiner Position über die Eigentümerstruktur seines Arbeitgebers bestens informiert. Zu dieser Zeit sind scheinbar zufällig Insider Informationen über Julia Timoschenkos Beteiligung an Jushny GOR (Bergbau und Verarbeitung) an Gennadi Korban (ein Kolomojskyj nahestehender Oligarch) gelangt. In Folge hat das Unternehmen die Eigentümer gewechselt, wobei massiver Druck auch mit Hilfe von Söldnern aus Kolomoyskis Firma B.O.G ausgeübt wurde.

Korban und Filatov haben was die Umverteilung von Eigentum betrifft viel Erfahrung. Ihr Prinzip ist einfach: Sie suchen sich ein Opfer, dessen Ansehen in der Öffentlichkeit leicht angegriffen werden kann, oder jemanden den man mit Hilfe von Kolomojskyjs Medienimperium vernichten kann.

Eines ihrer Opfer war Pavlo Lazarenko, der nicht in der Lage war sich zu wehren, während er in den USA im Gefängnis saß. Korban und Filatov, die bis jetzt immer einer Strafe entgangen sind, waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie sogar versucht haben den Prozess gegen Lazarenko zu beeinflussen, aber der Richter in San Francisco hat dem einen Riegel vorgeschoben.

Letzte Nacht hat Filatov angeregt, dass es notwendig wäre, das Vermögen von Menschen die er für Kollaborateure der Separatisten hält, einzuziehen. Die Liste der in diesem Zusammenhang von Filatov genannten Unternehmen - dutzende Fabriken, Entergieunternehmen sowie Ukrtelcom - zeigt, dass sie Achmetow angreifen wollen.

Was Sie jetzt sehen ist nicht mehr und nicht weniger als "die Vorbereitung der öffentlichen Meinung zur Umverteilung des Eigentums." Kolomojskyj und seine Stellvertreter pflegen dabei einen Persönlichkeitskult, den es in der Region Dnipropetrovsk seit der Zeit vom Pavel Lazarenko nicht mehr gegeben hat.

Der Umstand, dass Kolomojskyj den Separatismus im März erfolgreich aufgehalten hat, gibt ihm keinen Freibrief alles zu tun, was ihm in den Sinn kommt. Andernfalls könnten ja auch die Gouverneure von Saproroschje und Charkow sich an die Brust schlagen, und mit den Worten "Ich habe die Separatisten aufgehalten!" ohne Gerichtsverfahren die Vermögen derer einziehen, die sie zuvor persönlich zu Separatisten erklärt haben.

Kolomojskyj instrumentiert wieder einmal seine Privatarmee um Eigentumsfragen zu lösen. "Weißt du überhaupt, welche Fragen die Jungs den Behörden stellen werden, wenn sie von der Front zurückkehren?" - schreibt Filatov.

Es ist klar, dass die "Jungs" ihre Fragen nur mit der Waffe in der Hand stellen werden. Aber zu entscheiden, welche Vermögen eingezogen werden sollen, ist ein Privileg, und als solches im Zuständigkeitsbereich der Regierung und der Justiz, und nicht im Ermessen von Kolomojskyj. Wer Gouverneur wird, soll nur der Präsident entscheiden, und bewaffnet sein sollte nur die Polizei sowie die Armee, nicht aber private Söldnertruppen.

Das Problem Kolomojskyj ist eine Herausforderung für Porosheknko, die er schon in den nächsten Monaten lösen muss. Davon ist abhängig wie erfolgreich seine Präsidentschaft sein wird.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Brief aus Slawjansk

Der folgende Text ist die Übersetzung eines Briefes von Elena aus dem Donbass in der Ukraine. Sie stammt aus Torez und ist pensionierte Lehrerin. Elenas Tochter wohnte mit Ihrer Familie bis vor kurzem in Slawjansk. Mittlerweile sind sie auf die Krim geflüchtet.


Hallo Yulitschka,

deine Nachricht hat mich unglaublich beeindruckt! An deine Mutter erinnere ich mich immer noch unter dem Namen Arabadshi (das ist ihr Mädchenname), und nicht unter dem Namen Satirova.

Meine älteste Tochter Mirinka lebt mit ihrem Sohn im leidgeprüften, aber noch nicht besiegten Slawiansk. Ich bin so dankbar für die von euch angebotene Hilfe, dass ich keine Worte finde. Ich habe es geschafft meinen Enkelsohn Schenja in einer ruhigen Stunde zwischen den Schießereien aus der Stadt raus zu bekommen. Das war kurz vor der Absperrung der Eisenbahnstation durch unsere heldenhaften Bandera – Anhänger (damit ist die ukrainische Armee bzw. ihr nahestehende Milizen gemeint). Meine Tochter hat sich geweigert zu glauben, dass sie das Sanatorium, wo sie arbeitet, beschießen werden, und ist geblieben. Heilige Unschuld! Als das Sanatorium, der Kindergarten, sowie die gerade erst von den Eltern renovierte Schule, die mein Enkelsohn besucht hat, durch einen Bombenangriff zerstört wurden, habe ich gelernt in Freude zu leben. Ich habe mich darüber gefreut, dass wir am Hof einen Keller haben, in dem sich unsere Tochter mit den Nachbaren in Sicherheit bringen konnte. Ich war sehr froh, dass wir am Hof einen Brunnen haben, als sie den Wasserturm bombardiert haben. Aber wirklich glücklich war ich, als meine Marinka es geschafft hat, Slawiansk gemeinsam mit anderen Leuten zu verlassen und auf die Krim gegangen ist. Ihre persönlichen Sachen hat sie fast alle zurück gelassen, nur Ihre Dokumente hat sie mitgenommen. Gott sei Dank ist sie am Leben und gesund. Ich bin darüber sehr glücklich.

Zwischen unserer Stadt Slawjansk und Sneshnoje gibt es immer noch andauernd Kämpfe, und gestern gab es viele Tote, auf beiden Seiten. Die Banditen haben versprochen uns weiter zu bombardieren.

Valya, das einzige, was du für uns machen kannst, ist für unsere Gesundheit und unsere Sicherheit zu beten. Zina und Sergey Sewastjanows haben mich wieder gefunden. Valya, erinnerst du dich an die beiden? Wir haben am selben Institut studiert. Zina hatte damals wunderschöne Haare. Ich freue mich so, dass Galja Tschnijtschuk sich an mich erinnert. Sogar meine Schulfreundin, die vor 40 Jahren nach Weißrussland gezogen ist, hat mich gestern angerufen und mich mit meinem Mann und den Kindern zu ihnen nach Minsk eingeladen. Sie wollte früher zur „Stadt ihrer Jugendzeit“ kommen, für das 40-jährige Schuljubiläum. Jetzt sagt sie: „Ich schaue fern und weine. Was ist los in meinem Land? Man kann es nicht glauben. Wie werdet ihr den Krieg überleben?“

Dienstag, 8. Juli 2014

Brief aus Kramatorsk

Der folgende, von uns ins Deutsche übersetzte Text, stammt von Svetlana aus Kramatorsk. Sie unterrichtet Physik an der Universität. Seit letzter Woche gehört sie gemeinsam mit ihrer ganzen Familie zu den weit über 100 000 Flüchtlingen aus der Ostukraine.


Ich grüße den Tag am 10. Juni 2014. Sei lieb und bitte nicht der letzte!

Die Stadt lebt ihr provinzielles Leben… wenn man von den Feindseligkeiten dort nichts weiß, dann hat sich äußerlich nichts verändert. Sonne, Wind, Vögel, manchmal Gewitter… ein Donner ist schwer von einer fernen Explosion zu unterscheiden, wir müssen genau hinhören. Leider gibt es oft Explosionen… ich aber wünsche mir ein Gewitter!

Die Luftangriffe sind sehr beängstigend. Vor dem Beschuss der regionalen Stadtverwaltung in Lugansk durch Flugzeuge und Hubschrauber hatten wir keine Angst, jetzt aber ist sie da. Wir haben bemerkt, dass die Schwalben bei der Annäherung von Flugzeugen ganz niedrig fliegen, wie vor dem Regen. Wenn die Gefahr vorbei ist, steigen die Schwalben wieder hoch.

Es fällt auf, dass es viel weniger Kinder, Menschen und Autos zu sehen gibt… ich kann es nur mit Winter, Frühling oder Herbst vergleichen, da ich im Sommer noch nie in der Stadt gewesen bin. Ob es jedes Jahr so leer ist? Die meisten sind geflüchtet, aber 80-90% wollen wiederkommen wenn der Krieg zu Ende ist.

Aber egal wo wir uns in der Stadt befinden, überall hört man das gleiche: „Morgen werden sie uns wieder bombardieren, da sie uns nur 72 Stunden gegeben haben, um die Stadt zu verlassen. Fahren Sie irgendwohin? Wie kommt man nach Charkow, Rostow, auf die Krim? Ist es möglich meinen Ehemann aus der Ukraine abzuholen, oder den schon erwachsenen Sohn? Werden wir unsere Gehälter und Renten bekommen?“ Die wichtigsten Fragen sind „Warum WIR?“, „Wann ist dieser Krieg zu Ende?“.

Die Behörden haben die Stadt finanziell abgeschnitten, das heißt Löhne von Beamten, Renten und Sozialleistungen werden nicht bezahlt. Für diejenigen, die nichts auf der Seite haben, wird es sehr hart. Man sieht nun sehr viele alte Frauen die betteln. Zum Milchmann auf der Straße kommt man nicht mehr mit einem 3 Liter Glas, wie früher, sondern mit einem 0,5-1 Liter Behälter. Günstiges Brot ist sofort ausverkauft und in den Lebensmittelgeschäften gibt es viel weniger Produkte. Die Regale mit Bier, Wodka und Chips in einigen Läden sind leer, aber man kann ja auch ohne solche Dinge leben. Die meisten herkömmlichen Lebensmittel kann man noch kaufen. Vielleicht fehlt auch von diesen Dingen hier und da etwas, aber mir ist nichts aufgefallen.

Es gibt viele Panikmacher. Sie sind ein großes Unglück, weil sie die anderen anstecken. Ein bisschen verstehe ich nun, warum solche Panikmacher im 2. Weltkrieg erschossen worden sind. Ich denke etwa an gestern: Im Radio schrie eine Frau „Am Krytyy Rynok (überdachter Markt) gibt’s Explosionen“. Nach genaueren Fragen stellte sich heraus, dass die Frau in der Nähe dieses Marktes lebt und die Explosionen von irgendwo weit her aus dem Umland gehört hat. Uuups… Wenn so ein Panikmacher überall herumschreit, dass es auf dem Mark Explosionen gibt, wird ihm jeder glauben. Und das Ergebnis: Die halbe Stadt ist in Panik, alle laufen nervös herum und suchen Luftschutzkeller. Daher versuchen wir den Menschen beizubringen, sich richtig auszudrücken: „Ich höre oder sehe etwas… dort!“

Ständig müssen wir unsere Eltern, Freunde, Nachbarn, oder auch irgendwelche Menschen auf der Straße beruhigen. Wir haben dazu den Begriff „pokolyhatj (wiegen)“, das heißt beruhigen, Panik vermeiden, geprägt. Dazu bereiten wir die Menschen auf mögliche Angriffe vor, erzählen ihnen wohin sie gehen können, und was in diesem Fall zu tun ist. Wir sagen Ihnen auch, dass sie, wenn bombardiert wird, nicht gleich allen den Ort sagen sollen, wo die Bomben eingeschlagen haben. Schließlich wollen wir dem Feind nicht helfen! Es ist in Ordnung den Bezirk zu nennen, aber nicht mehr… später, eine Stunde nach dem Angriff, fangen wir an zu klären wo genau die Bomben fielen, und welchen Schaden und welche Verluste es zu beklagen gibt.

Heute Nacht habe ich eine Frau mit ihrem Kind beherbergt. Sie ist die Ehefrau eines Mannes der Selbstverteidigungsstreitkäfte, der in Slaviansk getötet wurde, und sie ist nun unterwegs zu seiner Beerdigung . Sie kam spät in der Nacht nach Kramatorsk, und weil es erst am nächsten Tag in der Früh möglich war nach Slaviansk zu fahren, habe ich sie für die Nacht aufgenommen. Diese Frau konnte nicht mehr weinen, sie war wie eine Schlafwandlerin. Mit ihr zu sprechen um sie zu beruhigen, war sinnlos, denn sie war nicht in der Lage zuzuhören. Sie hätte einen Psychologen gebraucht… Ihre Tochter war 4 Jahre alt, müde von der Reise und ein bisschen launisch… natürlich verstand sie noch nicht alles… es war eine schwere Nacht. Heute haben wir diesen Volksaufgebotsverteidiger beerdigt.

An einem anderen Tag hat man uns im Kreisratskomitee einen Zettel gezeigt, mit der Bitte bei Eltern anzurufen – die Nummer stand dabei. Diese Notiz hat uns ein junger Soldat an einem ukrainischen Checkpoint ins Auto geworfen. Selbstverständlich haben wir seine Eltern angerufen und ihnen alles erzählt. Der Junge stammt aus einem Dorf in der Region Winnyza und dient im Moment bei der ukrainischen Armee. Die Eltern dachten dass er irgendwo in ihrer Heimatregion sein würde, aber in Wirklichkeit war er bei Slaviansk stationiert. Natürlich waren die Eltern schockiert. Wir haben ihnen gesagt das er lebt und gesund ist usw. …. das ist kein Einzelfall!

Heute haben sie uns wieder bombardiert. Ich schrieb in mein Tagebuch: 4 Menschen wurden getötet, alle Zivilisten… es gibt viele Verwundete, die Hälfte der Stadt ist ohne Strom und die ganze Stadt ohne Wasser. Lena, glaube mir, wir hatten gar keine Angst mehr… ja, wir wurden bombardiert, aber es ist weit weg von uns, wir haben uns nicht einmal im Keller versteckt…

Samstag, 10. Mai 2014

Einheitliches? Freies? Nein! Totes Land!!!

5. Mai 2014

Ukraine, die wir gekannt und geliebt habe, wurde umgebracht, verbrannt im Haus der Gewerkschaft mit den Bürgern Odessas. Die ukrainische Flagge, die noch vor kurzem alle Ukrainer einigte, im Westen, genauso wie im Süd-Osten ist zu einem Symbol des Todes geworden. Jetzt ist es unmöglich, ohne Abneigung auf die ukrainische Flagge zu schauen, mit der die ukrainischen Nationalisten, der Rechte Sektor und die Ultras, das Haus gestürmt haben, in dem Zivilisten ihre Rettung gesucht hatten.

Ich bin Ärztin, 35 Jahre alt. Nach Odessa bin ich mit meiner kleinen zweijährigen Tochter in die Ferien geflogen. Am Nachmittag des 2. Mai haben wir im Internet gelesen, dass es in Odessa Kämpfe gibt mit vielen Verletzten. Unsere Bekannte vom Kulikovo-Platz, auf dem sich seit März Protestierende gegen die neue Regierung Kiews getroffen hatten, haben uns gesagt, dass sie dort dringend Verbandstoffe und Wasserstoffperoxid benötigen, genauso wie Ärzte. Meine Schwester und ich haben beschlossen zu gehen. Auf dem Kulikovo-Platz war es noch sehr ruhig, die Hauptkämpfe wurden nahe des Zentrums, auf der Gretscheskaya- und Preobrazhenskaya-Straße geführt.
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2014-05-02 17.13.59 Polizisten waren bereits vor Ort.
2014-05-02 17.13.45 Ärzte ebenso.

Wir haben beschlossen, dorthin zu gehen, weil auf dem Kulikovo-Platz noch keine Verletzten waren. Unabsichtlich sind wir sehr nahe zum Epizentrum der Kampfhandlungen (bei der Gretscheskaya-Straße) geraten. Wir haben bald verstanden, dass diese Leute um uns herum, nicht „unsere“ sind. Um uns herum waren Menschen mit Maschinengewehren, Gruppen von vermummten Burschen in Tarnanzügen, mit Symbolen der ukrainischen Nationalisten. Plötzlich haben wir gehört, dass jemand nach einem Arzt ruft. Wir sind dorthin gelaufen. Am Boden lag ein ganz junger Mann mit ganz kleinen Pupillen, sein Körper zuckte, sein Puls war schwach. Ich habe gesagt, dass ich Ärztin bin. Ich versuchte ihm zu helfen, aber es war nicht mehr viel tun, da bereits der Rettungswagen gekommen war. Wir legten ihn gemeinsam auf die Rettungsbahre. Der Bursche hatte bereits sein Bewusstsein verloren. Der Wagen war schon fast abgefahren, als wir noch einen weiteren Burschen sahen, dessen Kopf ganz mit Blut überströmt war. Wir schlugen auf das Blech des Rettungswagens, damit sie ihn noch mitnehmen. Danach haben wir beschlossen rasch aus der Menge der uns feindlich gesinnten radikalen Nationalisten zu flüchten.
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Auf der Preobrazhenskaya Straße sahen wir eine Menge von Polizisten mit Schutzschilden. In ihren Gesichtern konnte man ihre Angst lesen. Wir sind dagestanden und haben geweint, machten Fotos mit unseren Handys, als wir die Menge sahen, hunderte bewaffnete Menschen mit ukrainischen Flaggen und Stöcken, dicken Ketten, Baseballschlägern, die meisten in Masken vermummt. So laut wie sie nur konnten skandierten sie „Heil Ukraine. Heil den Helden“, „Tod den Feinden“ und noch andere Parolen. Was mir sehr deutlich auffiel: sie waren sehr gut organisiert. In einem Moment bildeten sie eine Linie, dann schrie jemand den Befehl zu marschieren. Manche organisierten sich in Gruppen zu sieben bis zehn, und alle zogen in Richtung der in einer Linie stehenden Polizisten. Wir erschraken. Ich versuchte ein Video aufzunehmen. Wir dachten, dass sie jetzt mit den Polizisten wie in Kiew kämpfen würden. Aber in der nächsten Sekunden taten die Polizisten nichts anderes, als ihnen einen Korridor zu öffnen. Wir verstanden, dass alle, die auf der anderen Seite waren bald umkommen werden.
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Die Gesichter von den Hunderten, die vorbei gegangen war, vergesse ich nie. Es waren stumpfe, tierische Augen. So viel Wut und Hass hatte ich noch nie gesehen. Außer uns waren dort viele Zuschauer, Bürger von Odessa. Manche haben gelacht und sind mitgegangen; manche weinten, so wie wir weinten. Wir haben verstanden, dass wir nicht zu unseren Leuten auf der anderen Seite nicht durchkommen konnten, wenn wir uns nicht selbst dem sicheren Tod ausliefern wollten.
Diese Männer sah ich nicht weit weg von uns. Sie schienen weder ukrainisch, noch russisch, noch deutsch zu verstehen. Als wir sie auf englisch fragten wer sie sein und was sie hier machen, antwortete uns der Mann im Zentrum akzentfrei "Heavy Metal".

Wir beschlossen zurück zum Kulikovo-Platz zu gehen. Es waren nicht besonders viele Menschen dort, alles war sehr friedlich. Die Menschen unterhielten sich über die Situation im Zentrum, manche fingen an, aus Brettern und Platten notdürftig Barrikaden zu bauen.
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Eine Alte Frau, die mit Ihrem blinden Sohn gekommen war, gab uns auch Binden und Medikamente. Ich half einem Jungen, der leicht am Bein verletzt war. Meine Schwester ging in das Haus der Gewerkschaft. Es waren bereits Ärzte im zweiten Stock, nur Frauen, wie Yulia dann erzählt hat. Es waren dort ein paar verletzte Burschen und sehr viele Menschen, die in Panik hin und her liefen. Ich half ein paar Bretter zum Haus zu tragen, da sprachen die Leute schon davon, dass der Rechte Sektor und die Ultras Richtung Kulikovo-Platz marschieren. Diese Barrikaden waren lächerlich, das wurde uns nun bewusst. Doch in der Panik hatte das niemand wirklich bedacht. Plötzlich schrie jemand: „Sie kommen schon“, „Alle Frauen schnell ins Haus“. Ich stand einen Moment wie versteinert, konnte mich nicht bewegen, nicht denken. Dann plötzlich schoss es mir durch den Kopf: „Wo ist meine Schwester? Schnell weg! Wir müssen weit von diesem Haus weg!“. Ich lief hinein. Ich fand meine Schwester auf der Treppe. Sie filmte mit ihrem Handy und weinte. Sehr viele Menschen waren drinnen im Haus - Panik, Schreien. Ich schrie so laut wie ich nur konnte: „Schnell, wir müssen weg!“. Sie war geschockt. Ich ergriff Ihre Hand und zog sie Richtung Ausgang. Wir schoben uns gegen die ins Haus strömende Menge nach draußen. Draußen bemerkte ich, dass meine Schwester nicht neben mir war. Sie stand einige Meter entfernt mit ihrem Handy. Die Nationalisten waren schon auf dem Platz. Ich schrie: „Yulia! Lauf!“ und wir liefen. Nach etwa 100 Meter begegneten wir fünf Polizisten. Wir schrieen sie an: „Was machen Sie hier?“, „Stoppen sie das!“, „Dort sind Frauen!“, „Wie werden Sie damit leben können, hier tatenlos zuzusehen?“, „Sie sind Männer!“ Wir liefen weiter und weinten.
2014-05-02 19:20:56 Im Haus der Gewerkschaft, Erdgeschoß.
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Nach fünf Minuten waren wir schon auf der Brücke über der Eisenbahn. Von dort wagten wir endlich zurückzublicken. Wir sahen Rauch. Das Haus der Gewerkschaft stand in Flammen. Wir begriffen, dass dort drinnen all die Menschen waren, die wir kurz zuvor noch selbst gesehen hatten, all jene, die sich dort vor diesen Tieren retten wollten.
Nach weiteren 5 Minuten waren wir endlich zu Hause. Ich schloss meine Tochter in meine Arme und küsste sie. Ich konnte noch nicht ganz verstehen, was geschehen war. Dann kamen die ersten Nachrichten, Fotos und Videos.
Odessa ist im Dunkel versunken. Das Odessa, das ich von früher gekannt habe, wo ich mich zu Hause gefühlt hatte, gibt es nicht mehr.
Noch nie war ich mit solcher Angst und Schmerz durch die Straßen gegangen. Noch nie sah ich jemandem in die Augen und dachte, ist das ein Mensch, der am Morden von Unschuldigen beteiligt war, oder ein Mensch, der wegen der Ermordeten trauerte. Ich hatte nie Angst gehabt mit dem Kind auf den Spielplatz zu gehen, nie Angst gehabt, dass ein Mann, der vorbei geht, ein Mörder wäre. Nie hatte ich Angst gehabt, das Georgiev-Band zu tragen, das Symbol des Sieges im Zweiten Weltkrieg, das Symbol des Sieges über den Nationalsozialismus.
Was mich heute erschreckt ist, dass in Deutschland, Frankreich, Österreich und anderen Ländern niemand wirklich darüber berichtet. Es gibt wahnsinnig viele Videos, es gibt zum Glück Überlebende, sehr viele Gründe zu verstehen, dass es ein von der Regierung organisierter Massenmord war. Es war ein Genozid. Am 2. Mai 2014 wurden über 50 Menschen umgebracht, nur weil sie gegen eine provisorische und nicht durch Wahlen legitimierte Regierung protestiert haben, nur weil sie sich eine ukrainische Föderation gewünscht haben, nur weil sie Russischschprachig waren. Russischsprachige Ukrainer, ukrainische Staatsbürger, keine Russen. Fast die ganze Welt schweigt. Ganz so, als ob es egal wäre, als ob es normal wäre, als ob das Leben von Bürgern Odessas überhaupt keine Bedeutung hätte.
Alles war organisiert. Ich weiß es nicht, ob so viele Opfer erwartet wurden, kann auf viele Fragen nicht antworten. Eines kann ich aber schon sagen: dieser Massenmord wurde nicht von normalen Menschen, sondern von echten Faschisten gemacht. Sie leben heutzutage. Sie sind hier in Odessa. Ab und zu sehe ich sie auf den Straßen mit ukrainischen Flaggen und mit Pistolen durch das Stadtzentrum spazieren. Ich denke an sie, wenn ich auf der Straße eine Blutlache sehe.
Die Leute am Kulikovo-Platz waren ganz einfache Bürger aus Odessa. Sie waren vor der Meute erschrocken. Manche, wie wir, sind davongelaufen und haben sich damit gerettet. Andere sind im Haus der Gewerkschaft, an das sie zuvor geflüchtet waren, geblieben. In unserer zuvor friedlichen Stadt hätte niemand solche Gewalt erwartet.
Ich weiß jetzt mehr, habe viel gelesen, Videos gesehen. Was hier passiert ist ist umfassend und unmissverständlich dokumentiert. Doch die Regierung hat verkündet, dass sich die Menschen selbst verbrannt hätten. Kein einziger der Mörder wurde verhaftet. Es gibt erdrückende Beweise dafür, dass viele der Opfer gar nicht durch Feuer gestorben sind, sondern direkt von Mitgliedern des Rechten Sektors und Ultras, die ins Haus eingedrungen sind, umgebracht wurden. Leider besteht der starke Verdacht, dass weit mehr als 40, sondern sogar über 100 Menschen getötet wurden.
USA und EU unterstützen die Regierung in Kiew. Wegen des amerikanischen und europäischen Hasses und des Kampfes gegen Russland sterben Ukrainer….immer mehr. Aufgrund von geopolitischen Interessen hat die Ukraine eine nun schon ganz offensichtlich neonazistische Regierung bekommen.
Ich bitte Sie, kritisch zu sein. Schauen Sie sich die zahlreichen Videos auf Youtube an, suchen Sie nach alternativen Informationen. Ich beantworte alle Fragen, schicke Ihnen alle Links….das ist das einzige, was ich jetzt machen kann.
05.05.2014 Alle Fotos hat meine Schwester mit ihrem Handy fotografiert.
2014-05-04 11.54.50